Über „Salz auf unserer Haut“ wurde ja viel geschrieben und viel gesagt. Das meiste davon trifft jedoch gar nicht zu. Jahrelang habe ich, auch dank meiner Mutter, die den Film damals gesehen hat, geglaubt, das sei ein regelrechter Porno. Doch das stimmt nicht und wird diesem wunderschönen Buch nicht gerecht. Es war Teil eines Bookcrossing-Stapels (Bookcrossing-Code 169-11049536) und kam auf diese Weise zu mir.

„Salz auf unserer Haut“ (franz. Originaltitel: Les vaisseaux du cœur) ist ein 1988 erschienener, weitgehend autobiografischer Roman der französischen Schriftstellerin Benoîte Groult. Ich habe ihn verschlungen, denn er ist wunderschön geschrieben und zeigt die Unvereinbarkeit zweier Menschen auf, die einander lieben, aufgrund von gesellschaftlichen Unterschieden aber nicht miteinander leben. Und zwar nicht, weil sie nicht könnten. Sondern weil die Protagonistin George, aufgewachsen in der eleganten Pariser Oberschicht, trotz aller Zuneigung zum bretonischen Fischer Gauvain weiß, dass ein Zusammenleben nicht möglich wäre. Zu unterschiedlich sind die beiden, zu sehr stört sie sein Akzent, sein Kleidungs- und Kunstgeschmack. Schonungslos schildert Groult derartige gesellschaftliche Konflikte. Heute würde man vielleicht sagen, George schämt sich fremd, wenn Gauvain ihr ein in ihren Augen geschmackloses Bild schenkt, das sie ganz hinten im Kleiderschrank verstauen wird. Sie schämt sich für ihn, für die mit kitschigen Motiven bedruckten Hemden, für seine Sprache. Auch ihre Zuneigung kann darüber nicht hinweg täuschen – und das ist nur ehrlich.

Doch trotz aller Unterschiede entdecken George und Gauvain schon früh eine große Leidenschaft füreinander. Dass beide heiraten, Kinder bekommen und getrennt voneinander leben, ist kein Konflikt für ihre Beziehung. Immer wieder treffen sie sich an abgelegenen Orten auf der Welt und verbringen rauschhafte Tage miteinander. Und immer wieder fragt George sich auch, ob sie nicht doch auch den Alltag miteinander teilen könnten. Doch sie erlaubt sich nicht, diese Gedanken bis in die Realität fortzuführen. Denn George sieht ein, dass sie Gauvain die Frau nicht ersetzen kann. Dass dieses ärmliche, arbeitsreiche Leben an der Seite eines Fischers für sie nicht infrage kommt. Auf diese Weise liegen oft Jahre des Wartens zwischen George und Gauvain. Trotzdem gelingt es Benoîte Groult, diese Leidenschaft, die den roten Faden der Geschichte bildet, immer fortzuführen. Und das allein ist schon meisterlich.

Was die Sexszenen angeht, finde ich nicht, dass Groult sich allzuweit aus dem Fenster lehnt. Mag sein, dass ihre Schilderungen für 1988 revolutionär offen waren. Aber heute, in Zeiten von „Feuchtgebiete“ und „50 Shades of Grey“, schockiert so etwas nicht mehr. Im Gegenteil, für die heutige Zeit scheint Groults Beschreibung fast schamhaft. Besonders ist jedoch ihre Sprache, die mehr zärtlich als explizit ist:

„Heute nachmittag werden sie sich wieder lieben. Zum erstenmal auch hat Gauvain den Eindruck, sich der Frau auszuliefern, die er nehmen wird. Er fühlt sich schüchtern und gleichzeitig aufgeregter. An diesem Tag wird er es zum erstenmal zulassen, daß sie ihn daküßt, wie er sagt, lange und ausgiebig, und daß er es wagt, seine intensive Lust zu zeigen; aber ganz kann er sich ihren Lippen nicht hingeben. Er schämft sich. Im letzten Augenblick zieht er George zu sich herauf. Gesicht an Gesicht.
>Ich habe zu viel Achtung vor dir<, sagt er, >du wirst das blöd finden, aber so kann ich nicht kommen, in deinem Mund.<
>Vertrau mich doch. Ich tue nur, was ich mag, und ich höre sofort auf, wenn es mir nicht mehr gefällt. Bei dir mußte ich mich noch nie zu etwas zwingen.<
>Das kann sein, aber ich schaff‘ es nicht. Bist du mir böse?<
Mit der Zunge wandert er über Georges Lippen, als wolle er sie von der Berührung mit seinem Glied reinwaschen.“ (128)

Natürlich ist daran auch abzulesen, wie sich die sexuelle Offenheit im Lauf der Jahrzehnte gewandelt hat. Die große sexuelle Revolution fand ja angeblich Ende der 1960er Jahre statt, doch betrachtet man die vergangenen 25 Jahre, so scheint es, als habe sich seit „Salz auf unserer Haut“ viel getan. Die Entwicklung allerdings geht weg von der Offenheit und hin zur nüchternen, mikroskopischen und schamfreien Betrachtung. Ob das gut ist oder ob es Sex zur Unmöglichkeit macht, sei dahingestellt. In Zeiten des Internets, in denen pornografisches Material rund um die Uhr und völlig anonym zugänglich ist, findet Sex nicht mehr hinter verschlossenen Türen statt. Zwei, die miteinander schlafen, zeigen sich selbst beim ersten Mal gegenseitig nichts Neues, sondern fürchten, den durch öffentliche Pornografie hochgehängten Erwartungen an die Körperlichkeit nicht gerecht zu werden. Uns ist das Geheimnisvolle abhanden gekommen. Sex verkommt zum in Plastik eingeschweißten, gefühlsneutralen Produkt, das jederzeit konsumiert werden kann. George und Gauvain wissen davon jedoch nichts; sie widmen sich einander und sind in ihrer eigenen Freizügigkeit der 1980er Jahre schüchtern im neuen Jahrtausend. „Salz auf unserer Haut“ kann dahingegend also auch als gesellschaftliche Studie betrachtet und gelesen werden.

Es gefällt mir, dass Groult ihre Protragonistin derart nüchtern konstruiert hat, dass George sich, anders als zahlreiche Liebespaare der Geschichte und der Literatur vor ihr, letztlich immer wieder gegen diesen Schritt entscheidet. Sie lässt sich von romantischen Hoffnungen nicht den Kopf verdrehen, sondern kennt sich selbst so gut, dass sie weiß, wie wichtig auch Oberflächlichkeiten für sie sind. Und letztlich verbindet die beiden vor allem die körperliche Leidenschaft. Auch dazu gehört Mut: Zu sagen, dass Liebe manchmal eben doch nicht alles ist. Mein Fazit: Unbedingt lesen, dieses Buch ist ein moderner Klassiker.

„Salz auf unserer Haut“ von Benoîte Groult ist unter anderem bei Knaur erschienen. Bei Amazon gibt es gebrauchte Ausgaben für wenige Cent, Sammler zahlen für bestimmte Ausgaben 20 Euro und mehr.